Die Gipfeletappe begann kurz vor Mitternacht, um bereits bei Sonnenaufgang auf dem Kraterrand zu stehen. Als ich um 23:00 Uhr geweckt wurde hatte ich tatsächlich ein wenig geschlafen und der warme Daunenschlafsack hatte seinen Zweck erfüllt, alles was ich an hatte war bereits schön vorgewärmt und sogar meine völlig durchnässte Jacke war durch ein paar Stunden Trockenzeit im warmen Küchenzelt einigermaßen trocken geworden und würde zumindest den eisigen Wind abhalten. Vor dem Abmarsch gab es noch heißen Tee und ein paar Kekse (mehr nicht, da der Magen auf dieser Höhe eh ein bisschen überstrapaziert ist, was ich jedoch zum Glück nicht gemerkt habe, lediglich vor Aufregung hatte ich ein etwas komisches Gefühl im Magen). Nachdem die Thermoskannen mit heißem Wasser gefüllt waren ging es los. Leider schon nicht mehr zu siebt, denn es hatte den nächsten aus unserer Truppe die Höhenkrankheit erwischt.
Also zog dann unserer 6 – köpfige Gruppe mit unseren beiden Guides und zwei Assistent Guides los.
Das erste Ziel des steilen Aufstiegs über Geröll und gefrorene Lava-Asche ist der Stella Point auf 5.765 Metern. Vor uns sah man bereits die ersten Gruppen vor uns den steilen Hang hinaufgehen, die durch die Stirnlampen wie Glühwürmchen aussahen. Und darüber erblickten wir den herrlichsten Sternenhimmel den man sich denken kann!
Es ging zuerst einen kleinen Trampelpfad entlang, dann über Felsen, die durch den Schnee ziemlich glatt waren, daher sind wir nur sehr langsam vorwärts gekommen. Auch danach sind wir ein sehr, sehr langsames Tempo gegangen, fast etwas zu langsam, denn meine Füße begannen in den vom Regen des Vortages noch klammen Schuhe zu erfrieren. Also durfte ich mit einem Guide ein etwas schnelleres Tempo einschlagen. So sind wir also immer weiter den Berg hinaufgestiegen, Schritt für Schritt, Stunde um Stunde, ganz langsam. Als ich mich umgedreht habe lag das Lichtermeer Moshis unter uns und ringsum waren die Sterne. Ich habe sogar eine Sternschnuppe gesehen! Zwischendurch haben wir kurz eine Pause gemacht, aber durch das zwar bereits etwas schnellere, aber dennoch sehr langsame Tempo war ich gar nicht so geschafft, dass ich mehr Pausen benötigt hätte. Und immer vor mir die Lichter der anderen Gruppen, so dass ich genau wusste wo es noch hinging. Und dann sagte Godfrey plötzlich: „Hey, I want to tell you something: up there you can see the Stella Point in 20 minutes we are there!“ Komischerweise war dies der erste Moment während der letzten Tage wo ich mir gedacht habe, jetzt wird es plötzlich anstrengend. Ich hätte mich gern einen Moment hingesetzt und einen Tee getrunken, aber Godfrey wies mich darauf hin, dass es bereits heller wurde und dass wir, wenn wir nun weitergingen, tatsächlich bei Sonnenaufgang am Stella Point wären. Das hat mich angespornt weiterzugehen. Schritt für Schritt. Plötzlich waren diese Schritte aber doch anstrengend. Dadurch, dass es morgen wurde, wurde die nachts gefrorene Lava-Asche weich. Genau das ist auch der Grund warum man nachts aufsteigt: nachts ist die Lava-Asche gefroren und hart, so dass man leicht darauf laufen kann. Morgens wird die Asche weich, man sinkt ein und rutscht bei jedem Schritt den man macht einen halben Schritt zurück. Und genau das geschah nun. Also habe ich mich die letzten Meter tatsächlich ein wenig geschleppt. Aber Godfrey war ständig hinter mir und hat mich angespornt weiterzugehen.
Und dann, tatsächlich, ich war oben angekommen als langsam die ersten Sonnenstrahlen über den Wolken hervorspitzten.
Ich konnte es nicht glauben, ich kann das Gefühl auch nicht beschreiben, aber es war einfach nur unglaublich. Ich hätte weinen können und gleichzeitig zerspringen vor Freude, so ein wunderschönes Gefühl war das!
Erst dann wurde mir bewusst wie eiskalt es plötzlich war, sobald wir den Kraterrand erreichten wehte ein eisig kalter Wind, ich bin fast komplett erfroren und war dankbar um jede Schicht an Klamotten, die ich getragen habe! Aber Godfrey drängte darauf weiter zu gehen, zum eigentlichen Gipfel, dem Summit, auch Uhuru Peak genannt.
Die letzten Meter muss man überwinden um den Uhuru Peak auf 5.895 Metern zu erreichen. Als Lohn für die Anstrengungen kann man von hier den atemberaubenden Blick vom höchsten Berg Afrikas genießen. Also haben wir das letzte Stück in Angriff genommen, oben auf dem Kraterrand entlang in Richtung Gipfel.
Auf diesem Stück kann man auf der einen Seite einen herrlichen Blick auf die im Sonnenlicht traumhaft glitzernden Gletscher genießen und auf der anderen Seite den Krater bewundern.
Und dann waren wir auch schon da, dieses letzte Stück war wirklich nichts mehr, es kam mir vor wie ein 5 Minuten Spaziergang, ich habe keines der Symptome, wie Schwindel oder ähnliches bemerkt. Ganz im Gegenteil, ich war einfach nur glücklich!
Und dann stand ich da, am höchsten Punkt Afrikas, einfach ein überwältigendes Gefühl! Ich wollte gar nicht mehr zurück, ich hätte ewig da oben bleiben, die warmen Sonnenstrahlen und den Ausblick genießen können. Aber irgendwann hieß es dann doch umdrehen und absteigen.
Dann sind wir ganz langsam den mittlerweile komplett aufgeweichten Lava-Asche Berg hinabgeschlittert. Nach dem etwa 7-stündigen Aufstieg erfolgt also nun der Abstieg. Dieser war absolut kein Spaß (naja, doch ein bisschen
),plötzlich war es wieder nebelig und begann sogar zu regnen. Daher waren wir heilfroh wieder im Barafu Camp anzukommen.
Dann hieß es erst einmal kurz ausruhen und warmen Tee trinken. Später gab es noch eine leckere heiße Suppe zum Aufwärmen. So gestärkt setzten wir den Abstieg über die Mweka Route fort. Nach weiteren 5- 6 Stunden haben wir die Mweka Hut (2835m) erreicht. An diesem Abend hätte ich mir nachdem wir völlig durchnässt im Camp ankamen, in die matschigen Zelte mit den nassen Liegematten krabbelten, nichts mehr gewünscht als eine heiße Dusche…aber darauf musste ich noch einen Tag warten.
